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Fußball-Revolution in Walsrode: Verärgerte SGW-Mitglieder gründen neuen VfB

Fast 20 Jahre herrschte fast heile Fußball-Welt in Walsrode. Als 1977 aus dem VfB Walsrode von 1948 und der altehrwürdigen Grand Dame Germania, die wie eine späte „Mutter Courage“ zwei Weltkriege überstanden hatte, die Spielgemeinschaft SGW Walsrode gegossen wurde, schien der eherne Schutzschild über jede Konkurrenz erhaben. Walsrode war in fester Hand, das Grünen- tal ein scheinbar unbezwingbarer Fußball-Feldherren-Hügel. Zwar wagte Ende 70er Jahre schon einmal ein kleiner Alternativen-Klub mit dem damals noch anrüchig Ostblock-nahen Kampfnamen Torpedo Walsrode einen Angriff auf die heilige Hierarchie. Aber der Ausbruch blieb ein kurzes Intermezzo. Pünktlich zu ihrer Jahreshauptversammlung am kommenden Freitag erhalten die Germanen nun jedoch heißen Diskussionsstoff: Mit dem VfB Vorbrück Walsrode von 1996 steht ein neuer Alternativ- verein in den Startlöchern. Noch dazu geführt von Rolf Gärtner und Frank Widera, zwei ehemaligen Germanen. Widera, jetzt Jugendwart beim VfB, wurde erst vor kurzem wegen vereinsschädigender Abwerbeversuche von SGW-Jugendspielern und Sponsoren bei Germania fristlos rausgeworfen. „Wir wollen keinen Krieg mit Germania“, kündigt Rolf Gärtner als 1. Vorsitzenden des neuen VfB zwar an. Aber die Brisanz nach dem plötzlichen Graben in der Waisroder Fußballszene ist unübersehbar. „Die Germania- Mitglieder haben uns doch schon seit langem nicht mehr auf der Straße gegrüßt“, berichtet Gärtner über den offensichtlichen Interessenkonflikt. Wie heikel der Einbruch in die über Jahrzehnte fast schon zur Selbstverständlichkeit gewordenen Alleinherrschaft der Nummer Eins im hiesigen Fußball ist, dokumentiert auch das streng gehütete Geheimnis um den 2. Vorsitzenden des VfB obwohl Konstituierung und Wahlen bereits im Januar vollzogen wurden: „Seinen Namen dürfen wir im Moment noch nicht nennen, denn er hat noch bei Germania eine Funktion und würde dort sofort rausgeworfen“, verrät Gärtner. Erst nach der Saison will sich der mysteriöse „Mister X“, über dessen Identität die Germanen nun kräftig rätseln dürften, „outen“. Die weiteren Vorstandsmitglieder wagten dagegen bereits die Bekennung zum neuen VfB: 1. Vorsitzender Rolf Gärtner, Schriftführer Reiner Schmidt, Kassenwart Uwe Köhler, Jugendwart Frank Widera, Jugend-,,Vize“ Martina Hewitt. Als Ärgernis betrachteten die Germanen schon die im Vorfeld durchgedrungene Namensgebeung des neuen Klubs: „VfB.So wie der legendäre VfB Walsrode von 1948, der sich doch 1977 mit Germania zur SGW verbrüdert hat. „Das können die gar nicht machen“, unkte Germarnia Präsident „Böschi“ Müller sofort.Und der einstige Vorsitzende des alten VfB, Horst Gebhardt, inzwischen bei Germania fest verankert, distanzierte sich sogar im Interview mit der „WZ“: „Wir wollen den VfB nicht wieder aufleben lassen!“ Das wollen nach eigenem Bekenntnis auch die neuen VfBer nicht: „Das hier hat nichts mit dem alten VfB zu tun. Aber wir mußten schließlich irgendeinen Namen wählen.“ Auch das Amtsgericht Walsrode sah beim Eintragungsgesuch ins Vereins- register keine Probleme: Den alten VfB gibt es nicht mehr, daher gilt der Name als frei. Dennoch zeigen Germanen Zweifel, ob die sportliche Zulassung des neuen Rivalen beim Fußball-Kreisver band überhaupt gelingen wird. SGW-Präsident Müller argwöhnt:„Dazu mussen dile erst mal zwei Jugendteams vorweisen.“ Doch auf diesem Sektor geht der kecke VIB überraschend schnell in die Offensive: „Wir werden zur neuen Saison drei Jugendmannschaften melden, zwei E- und eine F-Jugend“, strahlt VfB-Jugendwart Frank Widera. Ein Herren-Team ist möglich - aber noch nicht konkret geplant. Die „Vorbrücker“ erwarten sogar weiteren Zulauf - die Jugendarbeit soll zum Programm werden. „Wir haben schon rund 50 Mitglieder und die meisten davon sind Jugendliche. Wir wollen vor allem dem Nachwuchs eine neue Möglichkeit in Walsrode bieten“, betont Präsident Rolf Gärtner. Unterstützt wird er bei dieser Offensive von einigen Eltern, die sich und ihren Nachwuchs bei Germania ungerecht behandelt fühlten. So hat es die Gründe mögen die Betuffenen nicht nennen —_Ausschlüsse gegen einige Jugendspieler gegeben. . „Außerdem wurde uns Eltern vom Trainer gesagt, daß wir uns nicht einmischen sollten“, ärgern sich zwei der betroffenen Mütter. „Dabei können wir als Eltern mit unseren Kindern doch wohl am besten umgehen!“ Bei der Mund zu Mund-Propaganda für die Gründung eines „eigenen“ Vereins schlug der neue VfB aus diesem Protestpotential Kapital. Vorsitzender Gärtner verspricht den Eltern eine Basis- Demokratie: „Natürlich müssen wir als Vorstand den Verein lenken, aber die Eltern haben bei uns jederzeit Mitspracherecht!“ Jugendwart Frank Widera sieht noch einen anderen gewichtigen Grund für die Abnabelung von der allgewaltigen „Mutter“ Germania: „Dort gibt es eine reine Cliquenwirtschaft Man kannnur mitmarschieren oder austreten!“So setzt der VfB, dessen Initialen auch „Verärgerte FußballBekenner“ bedeuten könnten, nun auf die Gegenoffensive: Ob- wohl die Germanen an der nötigen Platz-Genehmigung durch die Stadt zweifeln (Müller: „Die Plätze sind doch schon voll belegt!“) hat der VfB bereits drei Trainingszeiten beantragt. Während Germania-Präsident „Böschi“ Müller die Lage noch gelassen sieht: „Das wird genau so ein Luftloch wie damals Torpedo!“ wagt VfB-Jugendwart Widera sogar einen Seitenhieb: „Trainingszeiten dürften kein Problem sein, denn Germania wird ohnehin schon bald weniger Jugendmannschaften haben.“

Thomas Künning

Wz Artikel vom 13.03.1996

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